Die Arbeit Poesie ist Teil der neuen Werkgruppe von Christine Berndt, die sich mit dem Thema des Dritten Reiches und seiner Rezeption auseinandersetzt.

Während die erste Werkgruppe Stalingrad ist mein Wiegenlied die Arbeiten:Opernskulptur, kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz und Brief der Jüdin beinhaltet, wird die zweite Werkgruppe ein enges feld die Arbeiten: Poesie, SchattenFuge und Zwei Schienen beinhalten.

Die Arbeit Poesie zeigt eine alte Frau, die in ihrer häuslichen Umgebung Texte aus einem Poesiealbum liest, das aus der Zeit ihrer Jugend stammt. Wie ähnlich klingen die Sprüche in diesem kleinen intimen Buch, vergleichbar dem Inhalt des eigenen kleinen Büchleins, das wohl viele in ihrer Jugend besessen haben – und doch, wie sehr hört man das Gelesene auf dem geschichtlichen Hintergrund. Es sind die kleinen Worte, die plötzlich auftauchen, obwohl sie nicht zwangsläufig da hin gehören: „Auf Wiedersehen“ – oder aber eine Leerstelle wo sonst steht: „zur freundlichen Erinnerung“. Kleine Unterschiede in ritualisierten Satzformeln werden zu Stolpersteinen.

Die Einträge des Poesiealbums sind in Sütterlin-Schrift geschrieben, in einer Handschriftart also, die heute nur noch von wenigen gelesen werden kann. Für die alte Frau, zu deren Jugendzeit die Sütterlinschrift noch die übliche Schreibschrift war, ist das Lesen in den Einträgen des Poesiealbums von 1937 die Begegnung mit etwas Fremdgewordenem und sehr Bekannten zugleich. Die Texte des Poesiealbums sieht sie während des Lesens zu erstem Mal.

Der Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin (1865-1917) hatte 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums eine Schreibschriftvariante der Druckschrift Fraktur entwickelt. Diese war bereits ab dem 16. Jahrhundert gebräuchlich. Die Sütterlinschrift wurde 1915 an preußischen Schulen eingeführt. Auch in der Zeit des NS wurde die Schrift bis 1941 einheitlich im Schulunterricht gelehrt. Deshalb wird Sütterlinschrift als „deutsche Schrift“ auch oft im Kontext der NS-Ideologie wahrgenommen. Allerdings wurde die Sütterlinschrift schließlich unter direkter Einmischung von Hitler abgeschafft. Argument (Zitat aus einem Rundschreiben Bormanns von 1941): „Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern.“

Auch in ihrer Arbeit Poesie rückt Christine Berndt wieder die Begegnung mit Schrift und Sprache in einen besonderen künstlerischen Blickwinkel, der in Zeugnissen der Vergangenheit aufspürt, was zeitgenössischer Betrachtung noch unlesbar schien. Die Arbeit Poesie wurde von Christine Berndt zuletzt 2011 in der Ausstellung Melencholia und Melanchronia gezeigt. Die DVD der 15-minütigen Lesung Poesie ist soeben im Fraktalwerk erschienen.

Am 18.2. 2012 zeigt Christine Berndt im Rahmen der Ausstellung: manchmal ist noch alles danach in der Galerie Weißer Elefant (Eröffnung 19:00)  ihre Arbeit:
Brief der Jüdin (2008) und in Gegenüberstellung die neue Arbeit: SchattenFuge (2012).

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