Warum eine Stadt plötzlich die Augen aufschlägt und uns anschaut, in den Blick nimmt: ein rätselhaftes Geschehen. Wir fühlen uns persönlich gemeint und angesprochen. Wir spüren dann, dass ein Ort nur auf uns gewartet hat, um sich uns im Vorübergehen aus einem überraschenden Blickwinkel zu zeigen.

Ulrike Warmuth, Seitenbilcke: Lissabon, fraktalwerk 2012

Ulrike Warmuth, Seitenbilcke: Lissabon, fraktalwerk 2012

Einen kurzen Moment lang, innehaltend und aufmerkend, fallen wir bei solchen Seitenblicken aus dem Getriebe der Gegenwart. Wir vergessen die ungewisse Zukunft und die Geschichte der Stadt, die uns in solchen Augenblicken als einzelnen Menschen bemerkt. Und dennoch vermitteln sich in ihnen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in dem Gefühl, hier und jetzt am richtigen Ort zu sein, zu spüren was möglich ist und zu verstehen was einmal war.

Ist es möglich, solche Seitenblicke, die im selben Moment eine Stadt uns zuwirft und wir ihr, in Bildern und Worten mitzuteilen? Erfurt, Lissabon, Berlin und Prag – Ulrike Warmuth nimmt uns auf ihre ganz persönlichen Städtereisen mit. Ihre Texte sind Reiseführer, die zu ungewöhnlichen, manchmal auch privaten und intimen Sichtachsen und Ansichten jenseits der Postkarten-Perspektiven touristisch ausgewiesener Sehenswürdigkeiten führen.

Ulrike Warmuth, Seitenbilcke: Erfurt, fraktalwerk 2012

Ulrike Warmuth, Seitenbilcke: Erfurt, fraktalwerk 2012

Ulrike Warmuth, 1980 in Erfurt geboren, lebt heute mit ihrer Familie in Berlin. Weder das Studium der Neueren Deutschen Philologie und Philosophie, noch ihre Dissertation zu Themen der Linguistischen Semiotik haben ihre persönliche, schriftstellerische Fühlungnahme mit Wahrnehmungen, Worten und Bildern außer Kraft gesetzt. Interesse und Leidenschaft für das „Befühlen“ der Sprache konnte durch kein wissenschaftliches Studium der Begriffe, Zeichen und Gesten zufriedengestellt werden.

Ulrike Warmuth begann schon früh mit dem Schreiben eigener Texte – auf der Suche nach einer „persönlichen Sprache“. Literatur hat für sie auch sehr viel mit Musik zu tun – sowohl bei der Form-Komposition als auch bei dem, was an Melodischem und Klang in den Worten mitschwingt. Und: „Auch hinter den Worten noch schreiben“, das ist Ulrike Warmuths langjähriges Arbeitsprojekt und eine Herausforderung, die sie immer wieder annimmt.

Dies tut sie auch in der vierteiligen Sammlung der Städtebilder und -blicke: Als „Seitenblicke“ erscheinen im Fraktalwerk im Juni 2012 zunächst Ulrike Warmuths Momentaufnahmen aus Erfurt und Lissabon. In und hinter die Fassaden von Berlin und Prag wird uns die Autorin im Herbst 2012 schauen lassen: Stadtbesichtigungen mit Streifzügen in Wort und Bild durch eine Architektur der Bewegungen, im Rhythmus einer Sprache hinter den Worten, als Beiträge zu einem Atlas von Spuren, die das Leben in die Gesichter der Städte gezeichnet hat.

Am 6.6.2012 liest Ulrike Warmuth bei der Veranstaltung Dichter zusammen. Eine west-östliche Lesenacht der Landesvertretung des Saarlandes in Berlin aus ihren Texten.

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